Textatelier
BLOG vom: 14.05.2007

Eurovision Song Contest 2007: Gesang statt Show-Effekte

Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Schon seit je habe ich die Gesangskultur der Osteuropäer inklusive der Russen bewundert und mich vor allem seit dem Aufkommen des US-geprägten Popgeschreis gewundert, dass die westlichen Mainstreammedien vom östlichen Kulturraum keinerlei Notiz nahmen. Und dann kam an den beiden vergangenen Wochenenden der Eurovision Song Contest 2007 in Helsinki mit der Dominanz der Osteuropäer. Die 1. Ausscheidungsrunde habe ich mir erspart, weil ich gerade einen Leseabend hatte. Anschliessend hörte ich dann allerdings von fürchterlichen Verschwörungstheorien, nach denen die Osteuropäer (etwa nach skandinavischem Vorbild) einander die Punkte zugeschoben hätten, eine regionale Vetternwirtschaft, die weniger mit Gesängen, sondern geografischer Lage unter Einbezug der Verhältnisse der Nachkriegszeit zu tun habe. Und geradezu als nationale Katastrophe wurde in der Schweiz das Ausscheiden von DJ Bobo und seiner „Vampire“-Wiederbelebung („Vampires Are Alive“), dargestellt. Ich hatte diese in Trockeneisnebel gehüllten Vampire auszugsweise einige Male von unserem CH-Fernsehen DRS zu Gesichte bekommen und mir dabei gedacht, dass sich unser sympathischer DJ Bobo wohl die ekelhafte finnische Horror-Rockband Lordi mit ihrem „Hard Rock Halleluja“ zum Vorbild genommen habe, die ja vor einem Jahr im Zeichen einer geschmacklichen Totalentgleisung des Fernsehpublikums auf Platz 1 gehisst worden war. Das Ausscheiden der auf dem Lordi-Trittbrett mitfahrenden „Vampire“ zum frühest möglichen Zeitpunkt lag auf der Hand, schon weil unsere schweizerische Kultur nur sehr bedingt von Blutsaugern bestimmt ist. Für mich haben Leichname, die von Lust auf Blut aus dem Sarg entsteigen, zudem keinerlei Unterhaltungswert, was man mir bitte zugestehen möge.
 
Über die osteuropäischen Gesangserfolge habe ich mich gefreut, vor allem über den Sieg der serbischen Sängerin Marija Šerifovic mit ihrer bewegenden, hingebungsvoll und etwas laut in ihrer eigenen Sprache gesungenen Ballade „Molitva“ (Gebet). Sie verzichtete auf billige Showeffekte, die sonst in dieser Branche als Konzession an die Fernsehkameras an der Tagesordnung sind und musikalische Untalente mit umnebelten Blitzgewittern verhüllen. Denn meiner Irrmeinung nach geht es bei einem Song Contest (Gesangswettkampf) um den Gesang und nicht um die Show, ansonsten die Veranstaltung European Show Contest heissen müsste. Die lettischen 6 Tenöre Bonaparti.lv mit „Questa Notte“ wurden wegen des Umstands, dass sie gute, ausgebildete Stimmen haben, schon fast kriminalisiert.
 
Der in der serbischen Sprache von der unscheinbaren, eher molligen Sängerin mit der dunkel umrandeten Brille Marija Šerifovic vorgetragene Tragikpop hatte wohl etwas mit der serbischen Geschichte zu tun; den Serben wurde und wird noch heute von der US-amerikanisierten abendländischen Gesellschaft viel Unrecht angetan. Das ist offensichtlich und muss nicht unbedingt bei Peter Handke nachgelesen werden (auch wenn das nicht schaden würde). Anderseits entfalten einige (sicher nicht alle) „Jugos“, die sich in westliche Länder abgesetzt haben, nicht immer das nötige Feingefühl für die ihnen fremde Kultur, was dann eine Ablehnung hervorruft, besonders wenn noch eine gewisse Überheblichkeit hinzu kommt. Auch das muss einmal gesagt sein, an die Adresse der betreffenden Jungen und der Älteren Einwanderer gleichermassen. In einem freiheitlichen Land darf nicht mit vermeintlichen Freiheiten salopp umgegangen werden. Ein gutes Benehmen ist das mindeste, was man erwarten kann.
 
Den 2. Platz belegten die Ukrainer: Werka Serdjutschka alias Andrej Danilko bzw. ihre Manager hatten ihre sinnentleerte Bühnenschau „Dancing Lasha Tumbai“ im silbernen Sternenkostüm mit Versatzstücken aus der Mathematik wie „Sieben, sieben, ailulu – sieben, sieben, eins, zwei“ zu bizarren Polka-Rock-Klängen angereichert, eine immerhin einigermassen gut inszenierte Show, aber eher für die Rubrik „Ferner sangen“ gemacht. Russland auf Platz 3 hatte die Casting-Mädchenband „Serebro“ im Schuluniformen-Look ins Rennen geschickt, welche den US-Star Britney Spears kopierten. Eine Kopie ist immer minderwertig. Originale sind gefragt. Weder der „Einfall“ noch die Ausführung waren überzeugend. Bei diesem Wettbewerb scheint es wirklich mehr um Politik und kulturhistorisch begründeter Sympathie als um den musikalischen Vortrag zu gehen, auf den es eigentlich ankommen müsste.
 
Die Engländer erhielten, verdienten und wollten mit ihrem jämmerlichen Beitrag der Flugbegleitergruppe „Scooch“ wahrscheinlich keinen Punkt; 19 waren es dennoch. Umso weniger habe ich verstanden, dass der ganze Event (um in der angezeigten Ausdrucksweise zu verharren) in englischer Sprache durchgezogen werden musste. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es in Europa auch andere wichtige Sprachen; das Spanisch, Französisch, Deutsch und Russisch zähle ich dazu. Der von den USA ausgehende Sprachterror und die willfährige Unterordnung der Unterdrückten unter die Hegemonialmacht dürften die Ursache für die sprachlichen Entgleisungen sein. Und mögen die Osteuropäer in ihrer Aufbruchstimmung dem vertrottelten US-Way of Life noch so gedankenlos nacheifern, es muss sie doch unbewusst seltsam berühren, dass um jeden Preis angloamerikanisch gesprochen werden muss.
 
Zumindest hätte ich erwartet, dass die Punkteabgabe aus allen beteiligten Ländern in der jeweiligen Landessprache möglich sein müsste; denn den sympathischen Repräsentanten, welche die Abstimmungsresultate in den Ländern präsentierten, hätte doch zugestanden werden müssen, sich so auszudrücken, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie sagten ohnehin alle dasselbe, lobten stereotyp den wunderbaren Abend, eine intellektuelle Glanzleistung, und die Zahlen wurden ja ohnehin auch als Zahlen eingeblendet. Die 12 ist überall eine 12. Und die 0 auch.
 
Die Gesangskultur ist in Osteuropa lebendig und bringt wie seit je zahllose erstklassige Stimmen hervor, von denen man bei uns nie etwas hört, keinen Ton. Der Westen sollte sich davon inspirieren lassen, nach dem Vorbild von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey häufiger singen, bei allfällig eigenen unterhaltungsmusikalischen Defiziten an Osteuropa und Umgebung denken und jenen Ländern eine faire Chance geben, denen die Musik im Blut liegt und die nicht einfach auf idiotischen, technisch aufgemotzten US-Blutsauger-Kommerz abfahren. Das wäre ein Umschwenken von der Geschäftemacherei mit verdummten Menschen hin zur Kultur.
 
In diesem Sinn sehr berührt hat mich die schöne junge Frau aus Litauen, Julija Ritcik („4Fun“), die mit ruhiger, gepflegter Stimme „Love Or Leave“, sang, obschon sie sich aufs Englisch herunterliess. Ihre Begleitmusiker waren als Schattenbilder dabei, wirklich geschmackvoll. Sie erhält von mir für ihren stilvollen Beitrag eine Extraportion von 15 Punkten.
 
Der europäische Gesangswettkampf mag hoffentlich einige Anstösse in Richtung von etwas mehr Kultur mit Tiefgang gegeben haben. Tönendes und optisches Geschrei haben wir längst mehr als genug. Das Defizit liegt bei der wahren Kunst und nicht bei der Kunst als Kommerzware, nicht beim TV-gängigen Schund mit den Showblitzgewittern und stinkenden Feuerwerkereien. 
Die Schlussrangliste
1.  Serbien, Marija Šerifovic, 268 Punkte
2.  Ukraine, Werka Serdjutschka, 235 Punkte
3.  Russland, Serebro, 207 Punkte
4.  Türkei, Kenan Dogulu, 163 Punkte
5.  Bulgarien, Voda (Water), 157 Punkte
6.  Weissrussland, Koldun, 145 Punkte
7.  Griechenland, Sarbel, 139 Punkte
8.  Armenien, Hayko, 138 Punkte
9.  Ungarn, Magda Ruzsa, 128 Punkte
10. Moldawien, Natalia Barbu, 109 Punkte
11. Bosnien und Herzegowina, Marija Sestic, 106 Punkte
12. Georgien, Sopho, 97 Punkte
13. Rumänien, Todomondo, 84 Punkte
14. Mazedonien, Karolina Goceva, 73 Punkte
15. Slowenien, Alenka Gotar, 66 Punkte
16. Lettland, Bonaparti.lv, 54 Punkte
17. Finnland, Hanna Pakarinen, 53 Punkte
18. Schweden, The Ark, 51 Punkte
19. Deutschland, Roger Cicero, 49 Punkte
20. Spanien, D’Nash, 43 Punkte
21. Litauen, 4Fun, 28 Punkte
22. Frankreich, Les Fatals Picards, 19 Punkte
23. Grossbritannien, Scooch, 19 Punkte
24. Irland, Dervish, 5 Punkte. 
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